Zuerst war das Buch

Herr der Ringe, Das Schweigen der Lämmer, Herr Lehmann – alles populäre Erzählungen. Einst als Buch und dann auch als Film. Doch was versteckt sich eigentlich hinter dem Begriff Literaturverfilmung?
 
Schon seit den Anfängen der Filmgeschichte werden literarische Werke, Klassiker und zeitgenössische Literatur, als Vorlage und Inspiration für Filme genutzt. Werden zunächst dem Text dabei oft nur Bruchstücke entnommen und diese als Anstoß für eine kurze Bildgeschichte und visuelle Spielereien verwendet wie beispielsweise in „Die Reise zum Mond“ (1902) von Georges Méliès, so macht sich die Weiterentwicklung des Films zum Ziel, das Medium zur Kunstform zu erhöhen. Durch die Adaption von populärer und bekannter Literatur oder Theaterstücken wird versucht das Bildungsbürgertum mit Filmen zu erreichen.
 
Heute ist das Medium Film weitgehend anerkannt und neben dem Literaturkanon gibt es mittlerweile sogar einen Filmkanon für Schulen. Hinzu kommt, dass viele Bücher vom Literaturkanon verfilmt wurden und bekannte Filmstoffe inzwischen auch vor der Theaterbühne nicht halt machen. Erfolgreiche Bücher werden zu Filmen gemacht sowie erfolgreiche Filme zu Büchern. Bestseller wie Das Parfüm oder „Die Bücherdiebin“ wurden nach ihrem Erfolg auf dem Buchmarkt verfilmt. Denn Literaturverfilmungen beschränken sich nicht auf Klassiker, auch junge oder zeitgenössische Literatur dient als Quelle.  Beispiele etwa sind Crazy oder Elementarteilchen. Besonders Kinderbücher werden dabei immer wieder gewinnbringend ins Kino gebracht und nicht wenige Filme sind letztendlich bekannter als ihre literarischen Vorlagen.
 
Literaturverfilmungen hatten und haben dabei aber häufig mit Vorurteilen zu kämpfen. Wird ihnen einerseits die Verstümmelung der Vorlage vorgeworfen, sehen andere in ihnen einen Verrat an der Filmkunst. Filmtheoretiker setzten sich lange dafür ein, Film als eigenständiges Kunstwerk zu etablieren und versuchten Film von den Einflüssen anderer Künste, sei es das Theater oder die Literatur, zu emanzipieren. Robert Bresson schreibt passend in „Notizen zum Kinematographen“, dass es nichts Uneleganteres und Unwirksameres gäbe als eine Kunst, die in eine andere gefasst werde. Moderne Bewegungen wie die Nouvelle Vague lehnten die tote und unpersönliche Verfilmung von Literatur ab. Vielmehr sollten Filme immer eine subjektive Weltsicht darstellen. Und Alfred Hitchcock äußerte sich im Gespräch mit François Truffaut im Bezug zu dem Roman „Schuld und Sühne“, dass er nicht viel davon halte allzu bekannte Literatur zu verfilmen, da diese dann bereits das Werk eines Anderen sei und er sich nicht anderer Vorlagen bemächtigen wolle, sondern lieber das Buch vergesse und Kino mache.

Nichtsdestotrotz griffen viele moderne Filmemacher auf literarische Vorlagen zurück. Einige Regisseure, die zu den Vorläufern des jungen deutschen Films gezählt werden können, verfilmten Werke von Heinrich Böll, zum Beispiel Herbert Vesely das „Das Brot der frühen Jahre“ (1962).

Und auch Filmemacher der Nouvelle Vague benutzten literarische Vorlagen wie François Truffaut bei „Fahrenheit 451“ (1966) oder bei „Jules et Jim“ (1962). Jedoch handelt es sich hier nicht mehr um klassische Literaturverfilmung, sondern vielmehr werden Romanvorlagen kreativ umgesetzt. Es geschieht ein bewusstes Filmemachen mit neuen Ausdrucksmitteln, indem mit Zitaten und Filmmustern gespielt wird, um damit den Zuschauer zur Reflexion anzuregen. Truffaut äußerte sich zu „Jules et Jim“, dass er zwar versuche, dem Buch treu zu bleiben aber mit dem Wissen, dass das Buch dem Film nicht gleich komme und viele Jahre zwischen den beiden Werken liegen.

Schließlich kann die Verfilmung eines Buches ebenso  auf eigenem Interesse an einem Buch zurückzuführen sein und auch eine Erleichterung mit sich bringen. Volker Schlöndorff meint dazu in einem Interview mit Arte anlässlich seines 70. Geburtstags: „ Eine Literaturverfilmung ist so schwierig, wie die Eiger-Nordwand zu erklimmen. Aber sie ist auch eine Rückversicherung, weil ich nicht selbst der Autor bin, sondern nur interpretiere, was ein anderer geschrieben hat.“ Es geht also darum, eine Literaturvorlage nicht nur zu bebildern, sondern zu interpretieren und letztlich mit den Möglichkeiten filmischer Mittel  zu erweitern.

Doch wer kennt das nicht, dass er die Verfilmung eines davor gelesenen Buches enttäuscht anschaut und das Gefühl hat, dass der Film nicht mit dem Buch übereinstimmt? Eine Literaturverfilmung kann jedoch niemals der Vorlage entsprechen: Denn die Sprache des Films ist eine andere als die der Literatur – sowohl mit anderen Möglichkeiten als auch  Begrenzungen. Die Bilder, die wir während des Lesens entwickeln, entspringen unserer eigenen Fantasie und nicht wie im Film, denen des Regisseurs. Im Film müssen Wörter in Bilder übersetzt werden. Dabei kann sich nicht auf Andeutungen beschränkt und weniger selektiert werden. Durch filmische Mittel wie die Nahaufnahme können zwar bestimmte Dinge hervorgehoben werden, aber das Bild, das dem Zuschauer gezeigt wird, ist dennoch detailreicher und festgelegter als der dazugehörige Text.
 
Darüber hinaus funktioniert Film nach dem Prinzip der Verdichtung. Was auf 700 Seiten in einem Buch erzählt wird, muss in einen 90 Minuten langen Film gepresst werden. Somit ist es notwendig, auszuwählen und wegzustreichen. Auch die Produktionskosten spielen eine Rolle: Es muss abgewogen werden, ob bestimmte Geschehnisse aus dem Buch in den Film übertragen werden können oder zu aufwendig bis unmöglich sind. Oft ist es schwer, den Text in Bilder zu fassen. Das Innenleben von Personen kann zum Beispiel nur zum Teil oder indirekt dargestellt werden. In Homo Faber (1990/1991) werden die Gedanken von Walter Faber in Form eines Voice-overs verdeutlicht. Somit wird nicht allein auf visuelle Mittel zurückgegriffen, sondern die auditive Ebene wird als Ausdrucksmittel hinzugezogen. Denn Film ist nicht zuletzt durch seine Verbindung zur Literatur von intermedialen Beziehungen geprägt.
 
Wo liegt nun der besondere Reiz der Transformation eines literarischen Werkes in einen Film? Durch Literaturverfilmungen können wir einen frischen Blick auf ein bereits bekanntes Werk erhalten oder es können etwa Menschen mit dem Film erreicht werden, die sich vielleicht sonst nicht mit der Geschichte befasst hätten. Zudem besteht mit einer Verfilmung die Möglichkeit, die literarische Vorlage an die jeweilige Zeit anzupassen und zu modernisieren. So verlegt Hans W. Geißendörfer in  Ediths Tagebuch (1983) die Romanvorlage von Patricia Highsmith in die 1970er Jahre nach Deutschland und nähert die Thematik des Buches somit der Lebenswelt des Publikums an. Hat Film die Fähigkeit ein Werk zu verjüngen, scheint das Medium Film auf der anderen Seite manchmal auch schneller zu altern. Denn Film als Produkt der Technik ist an deren Entwicklungen und Neuerungen gebunden und so wirkt ein Film aus den Anfängen des 20. Jahrhundert im Gegensatz zu seiner vielleicht noch viel älteren Vorlage schneller verstaubt. Film und Literatur können sich gegenseitig bedingen und ergänzen.
 
Eine Literaturverfilmung ist dabei ein eigenständiges Werk, dessen Form letztendlich den Inhalt bestimmt und von medienspezifischen Eigenarten geprägt ist. Und wenn der Filmkritiker Alexandre Astruc bereits in den 1940er-Jahren forderte, die Kamera wie einen Stift zu verwenden, als caméra-stylo, dann geht es eben darum, dass Film durch seine ihm immanenten Mittel ebenso nuanciert sein kann wie das geschriebene Wort und nicht versucht, diesem zu entsprechen.
 
Ein Film, der sich seiner Eigenart bewusst ist, kann dazu einladen Neues zu entdecken, ob dieses nun auf einer literarischen Vorlage beruht oder nicht.

Jo Schuler

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