Heinz Rühmann

Wenn wir alle Engel wären, dann hätten die Zeitungen nichts zu schreiben, die Zungen nichts zu reden, die Obrigkeiten nichts zu ordnen,(…) und man stürbe vor Langeweile. Es ist erwünscht, dass jeder einmal über die Stränge schlägt (…). Dann ist die Welt lustig, und es lässt sich leben.

„Wenn wir alle Engel wären" - in dem gleichnamigen Film verkörpert Heinz Rühmann einen Kleinbürger, der auf Reisen geht und darüber seine Ehefrau vergisst, die von Leny Marenbach gespielt wird. Am Ende des Filmes gestehen sich beide ihre Eskapaden ein und versöhnen sich, der Ehefrieden ist wieder hergestellt. Im wahren Leben ist Heinz Rühmann zu diesem Zeitpunkt noch mit der jüdischen Schauspielerin Maria Bernheim verheiratet. Die Beiden sehen sich immer seltener, die Ehe existiert nur noch auf dem Papier. Rühmann beginnt ein Verhältnis mit seiner Filmpartnerin Leny Marenbach, bevor er sich im Jahr 1938 von seiner Frau Maria Bernheim scheiden lässt. Im Jahr 1939, nur wenige Wochen vor Ausbruch des 2. Weltkrieges, heiratet er die Wiener Schauspielerin Hertha Feiler. Laut den damals herrschenden „Nürnberger Rassegesetzen“ ist sie Vierteljüdin. Das Ehepaar darf nur mit einer Sondergenehmigung arbeiten. Heinz Rühmann dreht mit dieser Genehmigung weiterhin Filme, auch während des Weltkrieges. Und die Menschen strömen ins Kino. Sie brauchen die Ablenkung, das Lachen.

Die Erfolgsstory eines der bis heute bekanntesten und beliebtesten Schauspieler beginnt bereits 1930. In jenem Jahr wird einer der ersten deutschen Tonfilme gedreht. Heinz Rühmann ist in einer der drei Hauptrollen zusammen mit Willy Fritsch und Oskar Karlweis zu sehen. Die Komödie Die drei von der Tankstelle avanciert 1930, in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, mit ihrem heiter-lockeren Tonfall und der eingängigen Musik schnell zu einem Kassenschlager. Wenn die Menschen im wahren Leben nicht mehr viel zu lachen haben, wollen sie wenigstens im Kino fröhlich sein. Komödien, das begreift der damals 28-jährige Rühmann schnell, sind in finsteren Zeiten ein unschlagbares Mittel, um die Massen zu begeistern und abzulenken vom Ernst des Lebens.

Während der 30er-Jahre folgt Schlag auf Schlag eine Komödie auf die nächste: Im Jahre 1932 ist er in der romantischen Komödie Lachende Erben zu sehen. Im selben Jahr spielt Rühmann einen Seemann auf Landgang in Drei blaue Jungs, ein blondes Mädel, 1934 stellt er einen eifersüchtigen Buchhalter in Pipin, der Kurze dar, und 1936 ist er an der Seite von Hans Holt und Paul Hörbiger als Schneidergeselle Zwirn in Lumpacivagabundus zu sehen. Die Rolle des Schneiders Zwirn, der gemeinsam mit seinen Weggefährten durch einen Losgewinn reich und dann wieder arm wird und dem dabei die wahre Liebe begegnet, spielte Rühmann übrigens bereits im Theater, bevor es zur Verfilmung kam.

In Zeiten, in denen Millionen Menschen ohne Arbeit auf der Straße stehen, kann sich ein Rühmann von seinen Gagen schon bald einen Kindheitstraum erfüllen: Er macht einen Pilotenschein und kauft sich ein Flugzeug. Außerdem lernt er - wohl nicht ganz zufällig - Ernst Udet kennen, der seit dem 1. Weltkrieg als Fliegerheld gilt. Auch die Nazis würdigen Udet als Helden. Rühmanns Freundschaft mit dem erfahrenen Flieger erleichtern es ihm, auch unter einem Regime Karriere zu machen, bei dem bis heute nicht ganz klar ist, wie er dazu stand.

Rühmann verfolgt zielstrebig seine Karriere, ein Grund für seinen Ehrgeiz kann in seiner nicht immer einfachen Kindheit und Jugendzeit vermutet werden. 1902 wird er in Essen als Sohn des Gastwirts Hermann Rühmann geboren. Die Gaststätte floriert, und 1913 betreiben seine Eltern das Hotel Handelshof in Essen, ein großer Komplex mit Restaurants, Cafés und Geschäften. Doch bereits am Ende desselben Jahres müssen die Rühmanns Konkurs anmelden. 1915 folgt die Scheidung der Eltern, im selben Jahr wird Hermann Rühmann in seinem Berliner Hotelzimmer tot aufgefunden - vermutlich beging er Selbstmord. Heinz Rühmann ist 1915 gerade einmal 13 Jahre alt, als sein Vater - eben noch das Oberhaupt der Familie - von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist. Liegt darin vielleicht der starke Wille zum Erfolg, den der Schauspieler später an den Tag legen wird? Wollte Rühmann beweisen, dass er niemals so verzweifelt enden würde wie sein Vater?

Im Jahr 1933 tritt Rühmann der Reichsfilmkammer bei, in der jeder Schauspieler in Deutschland Mitglied sein muss, um weiterhin seinem Beruf nachgehen zu können. Juden bleibt die Reichsfilmkammer verwehrt - sie erhalten dadurch Berufsverbot. Im Jahre 1946 erklärt Heinz Rühmann, nur aus Angst um seine Existenz als Schauspieler der Reichsfilmkammer beigetreten zu sein.

Anhand des vielleicht bekanntesten Rühmann-Films „Die Feuerzangenbowle” (1944) wird sein ambivalentes Verhältnis zum NSDAP-Regime deutlich. Der Film, in dem Rühmann einen erwachsenen Schüler spielt, der seine Schulzeit durch das Spielen von Lausbubenstreichen nachholt, wurde von den Nationalsozialisten zunächst verboten. Den Machthabern gefiel nicht, wie „respektlos“ in dem Film mit der Lehranstalt Schule umgegangen wurde - der Film erhielt deshalb ein Aufführungsverbot. Durch seine Beziehungen gelingt es Rühmann jedoch, eine Privataufführung für Hermann Göring zu organisieren. Mit einer Filmkopie in der Hand fährt er zum Führerhauptquartier „Wolfsschanze”. Der Ausflug lohnt sich, die versammelten NS-Größen amüsieren sich prächtig: die „Feuerzangenbowle“ darf nun doch in den Kinos gezeigt werden.

Von den existenziellen Sorgen der Menschen ist in den zahlreichen Filmen, die der Schauspieler während der 30er-Jahre drehte, nicht viel zu spüren. Schließlich handelt es sich dabei um unterhaltsame Liebeskomödien, in denen Rühmann den kleinen Mann verkörpert, der wohl auch deswegen beim deutschen Publikum so gut ankommt, weil er vielleicht Schwächen haben mag und Fehler begeht, aber tief im Inneren ein guter Mensch ist. Ein guter Mensch, der niemandem etwas zu Leide tut, sondern den nur widrige Umstände dazu zwingen, sein gewohntes Lebensumfeld zu verlassen. Rühmann, der als Theaterschauspieler wegen seiner geringen Körpergröße nicht die Heldenrollen verkörpern durfte, die er sich gewünscht hatte, findet durch den Film zu einer viel spannenderen Figur als der des klassischen Helden: zu der Rolle des verhinderten Helden. Ein junger Mann aus einfachen Verhältnissen wird in ein Abenteuer verwickelt, bei dem er so manches Mal für einen Helden gehalten wird, was aber seinem gutmütigen und pragmatischen Charakter widerspricht. Unversehens lösen sich die Verwicklungen wieder auf, und am Ende ist er derselbe geblieben, doch nun hat er eine hübsche Frau an seiner Seite.

So wird in Ungeküsst soll man nicht schlafen geh’n der Altphilologe, den Rühmann verkörpert, durch ein Missverständnis für einen Prinzen gehalten, der angeblich mit einer berühmten Schauspielerin eine Affäre haben soll. In Der Mann, von dem man spricht wandelt sich Rühmann sogar vom Tiermedizin-Studenten zum Löwenbändiger - alles nur für die Frau seines Herzens, versteht sich. Man sieht Rühmann stets an, wie leidenschaftlich und professionell er sein Handwerk ausführt. Sein Lächeln wirkt niemals aufgesetzt, seinen Rollentext hat er so gut verinnerlicht, dass er die Worte problemlos in ein leicht ruppiges und dadurch umso natürlicher klingendes Stakkato umwandeln kann. Und dennoch fragt man sich angesichts der Heiterkeit der Filme, wie sich Rühmann außerhalb der Filmkulissen wohl gefühlt haben mag.

In Anbetracht der zahlreichen deutschsprachigen Komödien, die Rühmann in den 30er-Jahren gedreht hat, fragt man sich, wie neutral der Schauspieler in politischer Hinsicht bleiben konnte. Rühmann war nicht Mitglied der NSDAP und hielt sich während der 30er-Jahre so gut aus der Politik heraus, wie es eben ging. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Marlene Dietrich. Sie wanderte bereits zu Beginn der 30er-Jahre nach Hollywood aus. Was hielt Rühmann wie so viele andere deutsche Schauspieler zurück? Ist es Naivität, der feste Glaube daran, dass der böse Traum schon bald zu Ende sein wird? Sind es sprachliche Hürden, hat Rühmann Angst davor, auf Englisch nicht so brillant seine Texte vortragen zu können wie auf Deutsch? Einen Einblick in Hollywood hat er einmal gewagt, der 1965 gedrehte Film „Das Narrenschiff” wird jedoch der einzige Film bleiben, in dem er nicht Deutsch, sondern Englisch spricht.

Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde Marlene Dietrich, die in den 30er-Jahren nicht nur nach Hollywood auswanderte, sondern sich auch um amerikanische Soldaten kümmerte, vom deutschen Publikum als „Verräterin“ bezeichnet. Heinz Rühmann blieb hingegen in Deutschland und drehte während der 30er-Jahre weiterhin Filme. Man mag ihm vorwerfen, dass er seine Karriere als Schauspieler unbeirrt verfolgte. Aber nach Ende des Krieges waren die Menschen dankbar für einen, der weitergemacht hat und der wie viele von ihnen „irgendwie schon durchgekommen“ ist. Ist Heinz Rühmann also jemand, der weggeschaut hat, oder jemand, der konsequent seinen Weg gegangen ist? Vielleicht kann ein Zitat aus dem Film Lumpacivagabundus ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Die Textstelle stammt zwar nicht von Rühmanns Figur, sondern vom Teufel in Gestalt des bösen Geistes Lumpacivagabundus, den Paul Hörbiger verkörperte. Jedoch hätte ohne Weiteres auch Rühmann in einer seiner Rollen diese Worte sprechen können: „Aber dazu bin ich ja da! Der Leichtsinn ist der Schwimmgürtel, mit dem man am besten den Strom des Lebens durchschwimmt.“

Jennifer Pfalzgraf

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