„Und dann beginnt der Regisseur Lang alles zusammenzupressen, was die letzten Jahre an Überreiztheit, Verderbnis, Sensation und Spekulation uns brachten: wissenschaftlich durchdachte Verbrechen; Börsenrummel mit schieberisch jäh wechselnder Baisse und Hausse; exzentrische Spielklubs; Hypnose, Suggestion, Kokain; Spelunken, in die sich Genüßlinge und Bac-Spieler flüchten… morbide, seelisch und sexuell hörige Menschen, und  all jene entwurzelten Existenzen, deren Skrupellosigkeit selbstverständlich ist, weil sie nichts zu verlieren haben  als dieses Leben, das ohne diese Skrupellosigkeiten noch verlorener wäre“ (Kurt Pinthus, 1922)

 

1922 adaptiert Fritz Lang die von dem Luxemburger Norbert Jacques entworfene Figur des Dr. Mabuse und konzipiert, gemeinsam mit seiner damaligen Frau Thea von Harbou, einen Spielfilm in zwei Teilen, die der Regisseur mit „Dr. Mabuse, der große Spieler“ und „Dr. Mabuse – Inferno des Verbrechens“ betitelt. Die einleitenden Worte des zeitgenössischen Schriftstellers, Film- und Literaturkritikers Kurt Pinthus vermitteln eine eindrucksvolle Darlegung, der von Lang behandelten Thematik. Der Stummfilm-Zweiteiler geht über die Inszenierung eines klassischen Werks des deutschen Expressionismus, über einen Vorläufer der psychologischen Noir-Thriller der 40er und 50er Jahre hinaus. Mit seiner ersten Dr. Mabuse Adaption kreiert Lang ein zeitgenössisches Bildnis einer, in ihren moralischen Grundauffassungen erschütterten Gesellschaft; einer Generation, die am Ende eines sinnlosen Krieges, zwischen politischem und moralischem Bankrott, Zuflucht in der zwielichtigen Unterwelt der Weimarer Republik suchen.

 

Analog zu Erich Kästners Großstadtroman „Fabian“ aus dem Jahr 1931, schafft Lang ein zutiefst pessimistisches Bild des gesellschaftlichen Zustands der Weimarer Republik. Der Filmemacher beschreibt seine Empfindungen bezüglich Deutschland der 20er Jahre, als eine Phase der „tiefsten Verzweiflung, der Hysterie, des Zynismus und des ungezügelten Lasters“. Vollkommen konträr zu Erich Kästners Protagonisten Fabian, dem Moralisten, entwickelt Lang Dr. Mabuse, den er zum Prototypen dieser Epoche erklärt. Mabuse ist Arzt und Psychoanalytiker. Er infiltriert und manipuliert verschiedene Gesellschaftsschichten indem er sein Erscheinungsbild durch Maskeraden wechselt wie ein Chamäleon. Mit Hilfe von Hypnose und Suggestion bringt Mabuse andere Menschen in den Bann seines Willens, und verwickelt sie in die kriminellen Machenschaften seiner Verbrecherorganisation, die Spielclubs, Schmuggel und Börsenmanipulation betreibt. Als zentrales Element in den Aktivitäten des mysteriösen Mabuse findet sich das Spiel mit Menschenschicksalen oder der pure Wille zur  Macht. Lang selbst bezeichnet den Charakter des Dr. Mabuse als Kind von Nietzsche, eine Art Übermensch dessen Streben nach Macht jenseits von Gut und Böse liegt. Die Verbreitung von Angst, Chaos und Anarchie, die Bekämpfung eines überforderten Staatsapparats, sowie die Hörigkeit seiner Mitmenschen stehen im Mittelpunkt seines Wirkens. Mabuse wird von Lang als nahezu unbezwingbar in Szene gesetzt. Die Vertreter der staatlichen Ordnung bleiben farblos; Dominanz und Faszination gehen von dem mysteriösen Meisterverbrecher Mabuse aus. Dies bleibt auch über das Ende der filmischen Handlung beständig. Der Drahtzieher der Unterwelt ist nicht durch Recht und Ordnung zur Strecke zu bringen. Mabuse „kann - so heißt es in einem Zwischentitel des Filmes - nur durch sich selbst zugrunde gehen“. Am Ende des Films verfällt Dr. Mabuse, verschanzt in einem seiner Falschmünzenwerkstätten, dem Wahnsinn.

 

Knapp zehn Jahre später entschließt sich Lang, nach Verhandlungen mit dem Produzenten Nebenzahl, eine Fortsetzung des Mabuse-Klassikers zu drehen. Der Mabuse-Zweiteiler der 20er Jahre kann als scharfe Gesellschaftskritik und Warnung verstanden werden. Die politisch, wirtschaftlich und kulturell prekäre Situation der Weimarer Republik konnte sich jedoch über die vergangenen zehn Jahre wohl kaum verbessern. Nebenzahl drängte Lang wieder einen Film zu drehen der sich mit den Zeitumständen auseinandersetzen sollte. Nach Unterredungen mit dem Mabuse Urheber Norbert Jacques und seiner damaligen Ehefrau Thea von Harbou, entstehen Entwürfe zur „Wiederauferstehung“ des wahnsinnigen Dr. Mabuse. Vor allem Lang „sah darin auch eine Chance, Hitlers Methoden bloßzulegen und seine Rattenfänger-Taktik entlarven“. Der Regisseur musste mit äußerster Subtilität zu Werke gehen, zumal von Harbou bereits mit „fliegenden Fahnen zu Hitler und seiner sogenannten Bewegung übergelaufen war“.  

 

Als der Film „Das Testament des Dr. Mabuse“ 1933 im UFA-Palast am Zoo in Berlin uraufgeführt werden soll, wird er kurzfristig verschoben. Anstatt dessen, wird der Film „Blutendes Deutschland“, ein Film über die nationale Erhebung, und dem deutschen Volk gewidmet, vorgestellt. „Das Testament des Dr. Mabuse“ wird wegen der fortlaufenden Darstellung schwerster Verbrechen als staatsgefährdend eingestuft, da er als ein „Lehrbuch zur Vorbereitung und Begehung terroristischer Akte für die kommunistischen Elemente in Deutschland“ verstanden werden kann. Nach einer privaten Vorführung des Films soll sich Goebbels wie folgt zu Langs Werk geäußert haben: „Ich werde den Film verbieten, weil er beweist dass eine bis zum äußersten entschlossene Gruppe von Männern, wenn sie es nur ernstlich will, durchaus dazu imstande ist, jeden Staat mit Gewalt aus den Angeln zu heben“. „Das Testament des Dr. Mabuse“ wird durch Reichspropagandaminister Goebbels von den Nazis kurze Zeit später in Deutschland verboten.

 

Die nahezu ironische Sichtweise Goebbels’, sowie die offizielle Erklärung der Zensur des Films, können heute nur schwer missverstanden werden. Das geschickt aufgebaute Manuskript von Lang, und dessen anscheinend unwissende Frau Thea von Harbou, beinhalten subtile jedoch direkte Anspielungen auf die Vorgehensweise Hitlers und dessen Partei. Die Filmhistorikerin Lotte Eisner deutete, dass Lang bewusst Nazi-Parolen und Nazi-Mentalität aufgegriffen und verarbeitet hätte, und das ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob es ihn selbst vielleicht gefährden könnte. Fritz Lang bekräftigt diese Interpretation in seiner ersten öffentlichen Äußerung zum Film im Jahr 1943: „Der Film sollte Hitlers Terrormethoden wie in einem Gleichnis darstellen. Die Parolen und Glaubensartikel des dritten Reichs wurden bewusst in die Münder von Kriminellen gelegt. Dadurch versuchte ich diese Doktrin bloßzustellen, hinter welcher die Absicht stand alles zu zerstören das in einer Gesellschaft als hochwertig empfunden wird“. Zur Zeit dieser Erklärung befand sich Fritz Lang bereits ein Jahrzehnt im amerikanischen Exil. Seine kritische Haltung gegenüber den Nazis sowie seine nichtarische Abstammung veranlassen Lang Deutschland im Jahr 1933, kurz nach der Machtübernahme durch Hitler, zu verlassen.

 

Über zwanzig Jahre lebt Fritz Lang in Amerika, wo er sich in Hollywood als Autor und Regisseur, sowie als Mitbegründer der Hollywood Anti-Nazi League mit filmischen Meisterwerken wie „Fury“ (1936) oder „The Big Heat“ (1953) als Kinogröße etabliert. Langs Werke im Exil nehmen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des amerikanischen Genre-Films - vor allem der des Film-Noir. 1957 kehrt Fritz Lang nach Deutschland zurück wo er vom Produzenten Artur Brauner, dessen Produktionsfirma CCC-Film bereits für die Verfilmung seines epischen Zweiteilers „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ (1959) verantwortlich ist, dazu überredet den Charakter des Meisterverbrechers Mabuse abermals auf der Leinwand zum Leben erwecken zu lassen. Entgegen Brauners Vorstellungen weigert sich Lang eine leibliche Auferstehung des Meisterverbrechers zu inszenieren, in der Bemühung historische Logik aufrecht zu erhalten. Mabuses Charakter transzendiert, wie schon im „Testament des Dr. Mabuse“ (1932) mit Hilfe der Psychoanalyse und Hypnose, die physische Welt. Der aus der Zusammenarbeit Brauners und Langs entstehende Film „Die Tausend Augen des Dr. Mabuse“ (1960), wird von Kritikern wie Jonathan Crary als künstlerisch und intellektuell anspruchsvolles, und seinen Vorläufern ebenbürtiges Werk diskutiert. Mabuses Methoden und technologische Hilfsmittel zur Verbreitung von Chaos, sowie zur Ausübung von Macht ändern sich und spiegeln, Crarys Argumentation folgend, erneut gesellschaftliche Wahrheiten wieder. Lang setzt sich bewusst mit der Thematik der Überwachung auseinander und schafft auch mit seinem dritten Mabuse-Film - „Die Tausend Augen des Dr. Mabuse“ - ein kritisches Bildnis der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders und des Kalten Krieges.

 

Andere Kritiker attestieren dem Film weniger sozialkritischen Scharfsinn als den beiden vorhergegangenen Mabuse-Werken Langs. Artur Brauner, der sich alle Rechte an der von Norbert Jacques entworfenen Figur sichert, erkennt in den sich damit verbundenen Verfilmungen ein erfolgreiches Serienformat im Stile der Edgar-Wallace-Krimis oder der späteren James-Bond-Filme. Bis 1964 produziert Brauner fünf weitere Dr. Mabuse-Filme unter der Regie von anerkannten Filmemachern wie Harald Reinl (Regisseur von Edgar-Wallace- sowie Karl-May-Filmen). Konträr zu den von Lang inszenierten Werken wird historischer Logik kein hoher Stellenwert beigemessen, zumal Gert Fröbe (der spätere Darsteller des Bond-Bösewichts Goldfinger) nach der Rolle des Kommissar Kras in „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ auch die Rolle des Kommissar Lohmann im Film „Im Stahlnetz des Dr. Mabuse“ (1961), sowie der Neuverfilmung von „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1962) übernimmt, und Dr. Mabuse selbst, in den nachfolgenden Filmen ohne tiefgründigere Erklärungen wiederaufersteht. In den fünf nach Fritz Lang entstandenen Mabuse-Produktionen (1961-1964) setzt Brauner auf mit Spannung geladene Agenten-Thriller, welche mit für den Zeitgeist typischen Komponenten wie Science-Fiction-Elementen und Technikbegeisterung primär auf populären Erfolg anstatt zeitgenössischer Gesellschaftskritik abzielen.

 

Jakob Thurn



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