Vom Tüfteln zum "Student von Prag"

Paul Wegener blickt in den Spiegel, und sein Spiegelbild verabschiedet sich… 1913, zum Zeitpunkt von "Der Student von Prag", begann der Film, sich künstlerisch zu emanzipieren: Weg von den Wegwerfbildern der Jahrmarkt- und Varietéattaktionen hin zu einem eigenen Leben als erzählendes Medium. Dass Kameramann (und Filmpionier) Guido Seeber für diesen Film solch verblüffende Trickaufnahmen geschaffen hat; dass Seeber im Verbund mit Wegener – Hauptdarsteller und Hauptideengeber –, Hanns Heinz Ewers Hanns Heinz Ewers Hanns Heinz Ewers – Drehbuchautor und Filmenthusiast der ersten Stunde – und Regisseur Stellan Rye einen Film schaffen würden, der bis heute tatsächlich angesehen werden kann: Das war der Durchbruch für den Film in Deutschland, der dann in den 1920er Jahren Weltgeltung für sich in Anspruch nehmen konnte.

"Der Student von Prag" kam einige Monate nach dem anderen "ersten großen" deutschen Film heraus, "Der Andere" von Max Mack mit Albert Bassermann – beide gedreht in und um Berlin, letzterer von der Produktionsfirma Vitascope, ersterer von der Deutschen Bioscop: Deren Ateliers standen in Neubabelsberg, ein von Seeber ausgesuchter Standort und Keimzelle der Babelsberger Filmstudios.

Seeber wiederum war Mitarbeiter von Oskar Messter gewesen, damals, als das Filmgeschäft das Geschäft der Tüftler war, die ihre Kameras selbst herstellten, die dann ihre Filme drehten und diese auch vertrieben. Messter, ebenso sehr Erfinder wie Geschäftsmann, war um die Jahrhundertwende Herr eines kleinen Imperiums mit der Serienherstellung von Kameras, mit der Konstruktion von Entwicklungs- und Kopiergeräten, mit der Herstellung von Filmen (um nicht auf den Einkauf von Edison- oder Pathé-Filmen angewiesen zu sein), mit dem Vertrieb seiner Ware und – schon 1896 – als Kinobesitzer: Das von Messter übernommene Theater "Unter den Linden" Unter den Linden Kino 1951 Unter den Linden Kino 1951 war das wohl erste ortsfeste Abspielhaus für bewegte Bilder in Deutschland. Im selben Jahr richtete Messter in der Friedrichstraße das erste deutsche Kunstlicht-Atelier ein, später in der Blücherstraße ein Glasatelier – mit Schwebebühne für eine bewegte Kameraführung –, schließlich übernahm er das Literaria-Atelier in Tempelhof von Pathé, das 1917 schließlich von der Ufa weiterbetrieben wurde.

In und um Berlin liegt der Ursprung deutschen Filmschaffens. Ihre ersten Filme führten die Gebrüder Max und Emil Skladanowsky im Berliner Varieté Wintergarten auf – die "interessanteste Erfindung der Neuzeit", wie es in der Werbung hieß: Tänzerinnen und ein boxendes Känguru. Doch schon 1892 – vielleicht auch 1894 – hatten die Skladanowskys vom Dach der Schönhauser Allee 146 mit Filmaufnahmen der Umgebung die ersten bewegten Bilder gefertigt, und alsbald gingen sie hinaus, drehten am Alexanderplatz und Unter den Linden.

E. T. A. Hoffmann E. T. A. Hoffmann Die Skladanowskys, Messter, Seeber: Sie waren Tüftler. Und "der deutsche Tüftler war eine tragikomische Figur", schreibt Klaus Kreimeier in "Die Ufa Story": "Vage ahnte er das 20. Jahrhundert voraus, während er in seinen Träumen noch den technischen Maschinationen, den Hexereien und Zauberspiegeln der Romantik nachhing – eine Mischung aus Carl Zeiss und E. T. A. Hoffmanns skurrilen Ingenieuren." Tatsächlich wirkte sich diese Verschränkung von Zukunftstechnik mit Motiven der Phantastik aus auf das Filmschaffen, noch Jahrzehnte später. "Der Student von Prag" spielt mit Motiven der Persönlichkeitsabspaltung ebenso wie "Der Andere": Paul Wegener verkauft sein Spiegelbild an eine teufelsähnliche Figur; Albert Bassermann erfährt nach einem Sturz vom Pferd eine "Jekyll & Hyde"-Schizophrenie. Beides sind literarische Traditionen des 19. Jahrhunderts; beides sind Vorläufer für die "Dämonische Leinwand" der Weimarer Republik.

Studiophantasien aus Babelsberg

Die Ufa wurde 1917 gegründet, auf Staatsbefehl: Man wollte den Krieg auf medialem Gebiet fortsetzen. Im Dezember des vierten Kriegsjahres natürlich viel zu spät – aber mit enormem Einfluss auf die Kultur und auf die Nation in der Zeit der Republik. Die Ufa – gegründet als Zusammenschluss diverser Filmfirmen, darunter der Messter-Konzern und die Deutsche Bioscop – sorgte für irreale Welten auf der Leinwand. Ein Trend, den der deutsche Film in allen Facetten auch jenseits des Großkonzerns weiterführte.

Lubitsch ließ 1919 in der "Austernprinzessin" in überdimensional gestaltetem Schloss üppigste Mahlzeiten auftischen, bevor auf dem Höhepunkt des Festes das Foxtrott-Fieber ausbricht; seine groteske Farce "Die Puppe" aus demselben Jahr ist ein Film aus der Spielzeugschachtel, in dem die aus Pappe geschnittenen Tannen am Wegesrande Birnen tragen. Beide Filme wurden von Paul Davidson für seine Projektions-AG Union produziert, in den Tempelhofer Ateliers: Auch diese Firma war in der Ufa aufgegangen. Der Unsinn des Absurden wurde durch das Absurde des Dämonischen abgelöst: Für "Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens", 1921 für die Prana-Film AG (nicht für die Ufa!) hergestellt mit Innenaufnahmen in Berlin-Johannisthal. Immerhin wurden tatsächlich viele Aufnahmen vor Ort gedreht – die Welt der Karpaten freilich auf Negativ gewendet. Die meisten Filme aber entstanden weitgehend bis ausschließlich im Atelier, von Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1921) über Murnaus "Faust" (1926) bis Langs "Metropolis" (1927).

Es sind Geschichten des Phantastischen, die die Realität weit hinter sich lassen, um in die Urgründe unserer Seele zu tasten: Einerseits aus produktionstechnischen Gründen arbeitete man im Studio, andererseits aus inhaltlichen. Der Bezug zu einem mythischen Mittelalter, der Standard war im expressionistischen Film (und ja, auch schon im "Studenten aus Prag"), konnte im Atelier schlicht besser hergestellt werden. Zumal, wenn eine bewegte Kamera und/oder eine ausgefeilte Tricktechnik nötig waren. Und diese Studios standen in und um Berlin – übernommen aus der Frühzeit des Films, erweitert und modernisiert.

Die Glashäuser von 1912, die Seeber in Neubabelsberg bauen ließ, um mit der Sonne die Filmrollen zu belichten, wurden ausgebaut zu einem Studiokomplex, der noch heute das Maß der Dinge in der deutschen Kinolandschaft ist. Ob nun die enormen Filmproduktionskapazitäten um die Hauptstadt von Preußen und Reich die Filmfirmen anlockten; oder ob die Filmfirmen die Ateliers gründeten, ist eine Frage nach Henne und Ei. Berlin war die Großstadt Deutschlands, sie entwickelte sich zur europäischen Metropole. Die Goldenen Zwanziger bedeuteten auch ein goldenes Zeitalter für den Film.

Echte Straßen und echte Menschen

Selbst in der futuristischen urbanen Landschaft von "Metropolis" – inspiriert von New York – findet sich eine mittelalterliche Hütte, finden sich mittelalterliche Katakomben. Für "Frau im Mond" (1929) setzte sich Fritz Lang ab von derlei Retro-Phantastik; vielmehr sollte der Film (gedreht natürlich in den Ufa-Studios von Neubabelsberg) aus den technischen Möglichkeiten der Realität kommen und auch in die Realität verlängert werden: Raketenpionier Herrmann Oberth und sein Mitarbeiter Rudolf Nebel, die als technische Berater fungierten, konstruierten tatsächlich eine zwei Meter große Rakete, die zu Werbezwecken vor dem Ufa-Palast am Zoo hätte gestartet werden sollen – wenn sie technisch funktioniert hätte. Tatsächlich wendet sich ab Mitte der 1920er Jahre der Film dem wirklichen Leben mehr und mehr zu. Murnaus "Der letzte Mann" (1924) zeigt die Stadt mit ihren herrschaftlichen Hotels und ihren Hinterhöfen relativ realistisch: Im Neubabelsberger Ateliergelände erhob sich "die gigantische, 60 m hoch als Freibau aufgeführte Hinterhausmauer", schreibt der "Film-Kurier" 1924 über einen Streifzug durchs Studio, es erstreckt sich ein "Großstadtplatz mit seinem Riesenhotel, das in Wirklichkeit nur aus vier Stockwerken besteht, im Film aber als Wolkenkratzer erscheinen wird", und sechzig Autos "richtige und Modelle, sind über die Straßenkreuzungen gefahren, und bewunderungswürdig ist ihr perspektivischer Aufbau."

Berlin - Die Sinfonie der Großstadt

Dokumentarfilm 1927 65min

Der Dokumentarfilm zeigt das Leben der Metropole Berlin vom frühen Morgen bis Mitternacht. Zunächst wird ei...

Berlin - Die Sinfonie der Großstadt
Grundsätzlich ist dabei zu unterscheiden zwischen Filmen, die an fiktiven Orten spielen und im Studio produziert wurden, Filmen, die reale Orte im Studio nachbauten, Filmen, die an realen Orten gedreht wurden, die freilich fiktive Orte darstellten, und Filmen, die ihre realen Drehorte als sie selbst präsentierten. Dass dabei immer filmische Inszenierung im Spiel ist, muss wohl nicht weiter erwähnt werden –, die Wechselwirkungen zwischen produktionstechnischen Aspekten und realer Welt sollten aber stets im Hinterkopf bleiben: Der Student war natürlich nie wirklich in Prag, andererseits könnte das Hotel von Emil Jannings als stolzem Portier beinahe tatsächlich irgendwo in Berlin stehen.
Und vom Nachbau der Stadt ist es kein großer Schritt mehr in die Stadt selbst hinein, bewaffnet mit der Kamera: Walter Ruttmanns "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt" (1927) erzählt von den Leuten, die den Film dann auch im Kino sahen, und rhythmisierte ihr Leben, um es der filmischen Erzählung anzupassen. Zwei Jahre zuvor schon war Adolf Trotz für einen abendfüllenden Dokumentarfilm erstmals mit der Kamera durch Berlin gestreift: roter Faden von "Die Stadt der Millionen" ist ein Touristenbus zur Stadtbesichtigung.In dem hingetupften und durch seine Kaum-Handlung mit Laiendarstellern quasi-dokumentarisch erscheinenden "Menschen am Sonntag"

Menschen am Sonntag

Coming Of Age, Komödie 1930 74min

Vier junge Berliner - eine Verkäuferin, eine Filmstatistin, ein Vertreter und ein Chauffeur - machen einen Sonntagsa...

Menschen am Sonntag
von den Siodmak-Brüdern, Ulmer, Wilder, Schüfftan, Zinnemann: Da geraten wir tatsächlich in den Alltag des Berliner Lebens. Nouvelle Vague Anfang der 1930er Jahre.

Auf die Straße ging es auch im Studio – wo zuvor Caligari oder Mabuse, Nosferatu oder Mephisto im Irrealen walteten, wendet man sich dem Straßenleben zu. In Filmen, die ihren Handlungsort im Titel tragen: "Die Straße" (Karl Grune, 1923), "Die freudlose Gasse" (G. W. Pabst, 1925), "Asphalt" (Joe May, 1929). Keine realistischen oder gar realen Orte werden hier gezeigt, wie auch keine wahren Geschichten erzählt werden. Es sind überhöhte Fabeln der Moral, besser: des moralischen Niedergangs: "Die metaphysische Weltanschauung von Künstlern deutscher Sprache […] bringt es mit sich, daß die Straße, die ihnen voller Hinterhalt, voller Versuchungen erscheint, keinerlei Beziehungen zur Wirklichkeit hat", schreibt Lotte Eisner in "Die dämonische Leinwand": "Die Straße ist rätselvoller Anreiz, wollüstige Verführung für jene armseligen Teufel, die der Monotonie ihres nüchternen kleinbürgerlichen Daseins müde, ihres engen, dumpfen Heims überdrüssig sind und die Abenteuer, Flucht vor sich selber suchen." Die Reize der Straße, die ungeahnte Sehnsüchte wecken, reichen bis hinein in das Unglück von Professor Rath in "Der blaue Engel" (1931), der der schönen Lola verfällt.

Der Schmutz der Hinterhöfe

Die Erfahrung der Moderne, der Großstadt werden in künstlichen Räumen verdichtet, werden als erschütternde "Dirnentragödie" – ein weiterer dieser Straßenfilme, von Bruno Jahn von 1927 – erzählt. Doch beim irrealen Setting blieb es nicht stehen: "Berlin – Alexanderplatz" von Phil Jutzi von 1931 schildert nach Alfred Döblins ohnehin mit Mitteln filmischer Montage arbeitendem Roman ein Sozialpanorama, mit dokumentarisch anmutenden Aufnahmen Berlins; in der Hauptrolle Heinrich George, der in der Weimarer Republik der kommunistischen Partei nahestand; auf dem Regiestuhl Phil Jutzi, der sich von der Pfalz aus nach Berlin aufmachte, um dort proletarische Filme zu drehen.

"Berlin – Alexanderplatz" war ein Nachfolger von Jutzis großem Erfolg: "Mutter Krausens Fahrt ins Glück", eine Tragödie der kleinen Leute, ein Film, der den Blick des Kinos auf die Armen richtete, auf die, die unter die Räder gekommen sind. Ein Film, der auf Ideen von Heinrich Zille beruhte, dessen Produktion von Käthe Kollwitz begleitet wurde: Kein Realismus, aber sozialkritische Milieuzeichnung. Wirklichkeitsnäher geht es in "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?" von 1932 zu: Ein Proletarierfilm in und um die Gartenkolonie Kuhle Wampe am Großen Müggelsee, der ähnlich wie "Menschen am Sonntag" mit dokumentarischen Mitteln spielt – und dabei ebenso und umso wirkungsvoller seine linkspropagandistische Botschaft unterbringt; das Drehbuch stammt von Bertolt Brecht – von der im Jahr zuvor erfolgten Verfilmung seiner "Dreigroschenoper" war Brecht wegen zu radikaler (und vermutlich unfilmischer) Ideen ausgeschlossen worden.

Die Hinwendung des Weimarer Kinos zur Wirklichkeit – ohne jemals den Wunsch zu hegen, diese Wirklichkeit auch tatsächlich abbilden zu wollen – führte auch zur wohl publikumsträchtigsten und filmhistorisch wahrscheinlich einflussreichsten Genre-Erfindung in der frühen Tonfilmzeit: Produzent Erich Pommer ist der Vater der sogenannten Tonfilmoperette, Vorläufer der Romanze und deren garstigerer Schwester, der Screwball-Comedy. "Die Drei von der Tankstelle" ist der bekannteste Vertreter dieser leichtfüßigen Komödien, in denen es immer wieder zu Verwechslungen kommt, in denen immer wieder am Ende ein deus ex machina die Liebenden zusammenführt, und in denen all das Märchenhafte mit Ironie und Selbstreferentialität wiederum aufgebrochen wird. Schlagendes Beispiel: "Ich bei Tag und du bei Nacht" von Ludwig Berger aus dem Jahr 1932, in dem Hans (Willy Fritsch) als Kellner und Grete (Käthe von Nagy) als Maniküristin finanziell keinen Fuß auf den Boden bekommen, weshalb sie sich eine kleine Wohnung zeitlich aufteilen müssen – und sich unbekannterweise beträchtlich auf die Nerven gehen in ihrer Quasi-WG. Bis sie bei einem Ausflug zum Schloss Sanssouci nach der Führung über Nacht eingeschlossen werden… Und während die Protagonisten in diesem Film stets von den irrealen Traumwelten des Kinos träumen – und die Comedian Harmonists "Wenn ich sonntags in mein Kino geh" singen – kommt hintenrum das Erleben der Wirtschaftskrise in den Film. Schloss Sanssouci Schloss Sanssouci Und mit Sanssouci auch ein tatsächlicher Schauplatz, der sich selbst spielt.

Harald Mühlbeyer

Filme von 1895 - 1932 aus Berlin-Brandenburg