Die Gans von Sedan

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1959 | 90 min
Komödie, Kriegsfilm
Helmut Käutner
Handlung
In Die Gans von Sedan erzählt Helmut Käutner ein Kriegsmärchen aus vergangenen Zeiten: Im 1870/71er-Krieg badet der französische Soldat Jean (Jean Richard) in einem Fluss und begegnet dabei Fritz (Hardy Krüger), dem Deutschen, der durchs Wasser einer Gans hinterherjagt. Erst...

In Die Gans von Sedan erzählt Helmut Käutner ein Kriegsmärchen aus vergangenen Zeiten: Im 1870/71er-Krieg badet der französische Soldat Jean (Jean Richard) in einem Fluss und begegnet dabei Fritz (Hardy Krüger), dem Deutschen, der durchs Wasser einer Gans hinterherjagt. Erst am Ufer erkennen beide – jeweils in lange Unterhosen gekleidet – im Gegenüber den Feind. Und den Menschen, denn in Unterwäsche ist jeder gleich. Sie verbrüdern sich, bis Granateinschläge sie auseinanderzwingen. Bei der Suche nach Deckung verwechseln sie leider ihre Uniformen. Der Deutsche mit französischer, der Franzose mit deutscher Uniform sind nun in den eigenen Reihen dem Spionageverdacht ausgesetzt - und müssen sich unbedingt wieder finden. Dabei landen sie nicht nur zwischen allen Fronten, sondern auch auf einem Farmhaus mit einer sehr liebenswerten Bäuerin.

„Die [Ufa] hat in der kurzen Zeit ihrer Nachkriegsproduktion einige Filme gedreht, die zu den wichtigsten Werken des Kinos der Ära Adenauer gehören. Filme, die schon über ihre Zeit hinausweisen, die man vor dem Vergessen bewahren sollte“, schreibt Rudolf Worschech im von Hans-Michael Bock und Michael Töteberg herausgegebenen „UFA-Buch“. Nicht viele Filme waren es, die die UFA noch bis 1961 produzierte, und natürlich sind nicht alle davon wichtig. Käutners „Die Gans von Sedan“, 1959, gehört aber sicherlich zu den erinnerungswürdigen.

Die bundesdeutschen Kriegsfilme der 1950er Jahre waren hauptsächlich von zwei Themen geprägt: Eine Art Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs, bei der sich zeittypischerweise die Wehrmacht niemals in Verbrechen verstrickte, sondern in denen besonders der moralische Konflikt des Soldaten bzw. Offiziers zwischen Treueschwur und Vaterlandsverrat thematisiert wurde – auch in Käutners „Des Teufels General“ (1955). Und zweitens ein – oft bejahender – Kommentar zur zeitgenössischen Wiederbewaffnungsdebatte Mitte der 1950er Jahre. Käutners „Gans von Sedan“ fügt sich in einen anderen Diskurs ein: In die freundschaftliche Annäherung mit Frankreich, das jahrzehntelang als der Erbfeind galt. Käutners Film ist die filmgewordene deutsch-französische Freundschaft: Der Film ist eine deutsch-französische Koproduktion, zweisprachig mit deutschem und französischem Hauptdarstellern. Hardy Krüger und Jean Richard waren zumindest in ihren Heimatländern veritable Stars, Krügers internationale Karriere stand gerade in ihren Anfängen. Gedreht wurde nach Vorlage eines französischen Bestsellers unter deutscher Regie, mit gleichberechtigten Produktionsgesellschaften aus beiden Ländern.

Die Titelgeschichte der „Spiegel“-Nummer 34 vom 19. August 1959 beschäftigte sich mit Helmut Käutner. Dort konnte man einen Ausblick auf „Die Gans von Sedan“, Premiere am 22.12.1959, lesen: „Der Autor Käutner hat den Film, der die ‚Hohlheit des Nationalismus’ vor Augen führen soll, nur sparsam mit Dialogen ausgerüstet; denn ‚die Handlung soll hauptsächlich von der Optik und der Mimik getragen werden’. Die wenigen Dialoge, die des Films Gegenspieler deutsch und französisch sprechen […] sollen nicht synchronisiert werden. In der deutschen Fassung will Käutner die französischen Dialogstellen durch einkopierte Texte erläutern; in der französischen Fassung sollen umgekehrt die deutschen Worte schriftlich übersetzt werden. Aber selbst diesem Notbehelf gedenkt Käutner eine kabarettistische Pointe abzugewinnen: Erstmals in einem Film sollen die Texte nicht wie üblich als weiße Schriftzeilen am unteren Bildrand erscheinen, sondern so einkopiert werden, daß sie wie bei den Comic-Strips als farbige Blasen dem Mund des Schauspielers entquellen.“ Nunja: Nicht alles, was Käutner vorhatte, konnte er umsetzen. Und sicherlich ist „Die Gans von Sedan“ ein Zeitstück. In einer Kritik zum Kinostart beschrieb der „Spiegel“ den Film als „grobe[n] Verkleidungsschwank, gebettet in biedere rustikale Idylle“. Der „Tagesspiegel“ urteilte etwas gnädiger: „Die Gans ist nicht mit unverdaulichen Käutner-Symbolen gefüllt, doch läßt sie manchmal ihre Federn allzu unzart rupfen.“ Doch ist der Film nicht belanglos in Käutners Werk, der sich in mehreren Filmen mit dem Fetisch von Kleidung und Uniform, der den Deutschen nachgesagt wird, beschäftigt – etwa in den Rühmann-Filmen „Kleider machen Leute“ (1940) und „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956).

„Die Gans von Sedan“ bietet einen indirekten Blick auf die gesellschaftliche Diskussion um Militär und Völkerverständigung der 1950er Jahre wie auch einen direkten auf das damalige Filmschaffen (und von da aus auf die Unterhosenmode des späten 19. Jahrhunderts). Käutner bringt dabei seine Fabel nicht lehrhaft, sondern locker-komödiantisch herüber: eine Verwechslungskomödie in Kriegszeiten mit satirischen Anklängen und pazifistisch-humanistischer Moral. Bezeichnend, dass bei der ersten Begegnung der Feinde in Unterhosen der Impuls, die Waffen wegzulegen, vom Franzosen und nicht vom Deutschen ausgeht. Und zu Beginn des Films sehen wir hungrige Soldaten beim Marschieren, denen eine Gänsehorde folgt; später gibt es am Lagerfeuer Gänsebraten, der Gänsemarsch ging direkt zur Schlachtbank.

Harald Mühlbeyer

 
 
 

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Filmdaten
Regie: Helmut Käutner
Drehbuch: Jean Michel L'HôteHelmut Käutner
Darsteller: Hardy KrügerJean RichardDany CarrelHelmut KäutnerFritz TillmannTheo LingenRalf WolterHelmut KäutnerWilly Rösner
Kamera: Jacques Letellier
Schnitt: Klaus Dudenhöfer
Musik: Bernhard Eichhorn
Produktion: Walter UlbrichPaul Claudon
Genre: Komödie, Kriegsfilm
Jahr: 1959
Themenseiten: Helmut KäutnerFilme der Murnau-Stiftung
Land: Deutschland/Frankreich
Format: 4:3 SD
Farbe: Farbe
Ton: Deutsch
Untertitel: ohne
FSK: 6
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