Wir machen Musik

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1942 | 85 min
Komödie, Liebesfilm
Helmut Käutner
Handlung
„Wir machen Musik“ ist von der Anlage seiner Handlung her eine typische Komödie mit typischen Konflikten: Karl Zimmermann (Viktor de Kova) hat sich der klassischen Musik verschrieben und arbeitet an einer komplexen Oper, zum Geldverdienen muss er sich aber als Klavierspieler in eine...

„Wir machen Musik“ ist von der Anlage seiner Handlung her eine typische Komödie mit typischen Konflikten: Karl Zimmermann (Viktor de Kova) hat sich der klassischen Musik verschrieben und arbeitet an einer komplexen Oper, zum Geldverdienen muss er sich aber als Klavierspieler in einem Café und als Musiklehrer verdingen. Annie Pichler (Ilse Werner) ist eine seiner Schülerinnen, und zudem mit ihrer Damenkapelle begeisterte Schlagersängerin mit einem veritablen Ohrwurm (das Lied „Wir machen Musik“ gilt heute noch als Evergreen). Im Privatunterricht will Zimmermann ihr allerdings die „wahre“ Musik beibringen – was nicht konfliktfrei vor sich geht. Geheiratet wird trotzdem. Als aber sie beruflich erfolgreich ist und er mit seiner Opernkomposition durchfällt, scheint die Kluft allzu groß für dieses Liebespaar.

Es geht also erstens um Ehe und Arbeit und zweitens um E- gegen U-Musik - typische Gegensätze, aus denen sich viele Komödien der NS-Zeit aufbauen. Da gibt es die Standard- Musikkomödie, die eine Lanze bricht für die Musik des Volkes, sprich: für den UFA-Schlager und gegen die elitäre, unverständliche ernste Musik – das ist ziemlich populistisch und zeugt von einer Nivellierung der Kultur auf niederem Niveau. Und es gibt die Standard- Ehekomödie, in der zunächst beide, Mann und Frau, im Beruf stehen, wobei es für die Frau darum geht, zu erkennen, dass der schönste Beruf Ehefrau und Mutter an seiner Seite ist. Was in die strikte Ideologie der Geschlechterrollen passt, die Deutschland noch jahrzehntelang prägen sollte.

Käutner aber nimmt die beiden Konflikte und verarbeitet sie anders, so dass sie – besonders in der damaligen Zeit – geradezu subversiv wirken. So ist Viktor de Kowas Figur ein richtiger Stoffel, der nichts auf die Reihe bringt – kaum der Stoff, aus dem Filmhelden sind. Am Ende dann triumphiert auch nicht der Mann, sondern die Frau, die ihm hilft, überhaupt lebensfähig zu werden. Was die Musik betrifft, enthält „Wir machen Musik“ zwar zeittypisch großangelegte Revueszenen, der Soundtrack mit seinen beschwingten Jazztönen hat aber für sich schon subversives Potential, und zuletzt wird auch die klassische Musik nicht lächerlich gemacht. Die Versöhnung am Ende ist tatsächlich eine Vermählung der gegensätzlichen Pole, die sich in der Mitte treffen, und nicht der Triumph der Dominanz über den anderen.

Dass die Musik in seinen Filmen eine wichtige Rolle spielt – allein schon die Filmtitel von „Wir machen Musik“ und „Romanze in Moll“ deuten es an –, dass er gar die Liedtexte in all seinen Filmen selbst verfasst hat, hat seine Ursprünge darin, dass Käutner vom Kabarett kam. Eine Kunst, in der man mit schneller Auffassungsgabe aus dem Gegebenen etwas Neues, Originelles machen musste, wo mit richtigem Timing die Pointe sitzen musste, was nicht zuletzt auch seiner Dialog- und Schauspielerführung zugute kam. Mit Ilse Werner und Viktor de Kowa – der in vielen seiner Rollen eine veritable Coolness an den Tag legte – hat er perfekte Darsteller gefunden. „’Wir machen Musik’ aus dem Jahr 1942 mit seinem Swing- und Jazz-Soundtrack kommt in den Wortduellen zwischen Viktor de Kowa und Ilse Werner daher wie ein Versuch, in die Fußstapfen großer amerikanischer Screwball-Comedies zu treten und nebenbei ein bisschen von der Frechheit der Tonfilmoperette der Weimarer Zeit zu retten“, schrieb Rudolf Worschech in einer Würdigung Käutners 2008 und verglich Viktor de Kova mit Cary Grant.

Tatsächlich hat „Wir machen Musik“ nichts von der bieder-bräsigen, allzu gekünstelten UFA-Ästhetik, die die NS-Zeit bestimmte und in vielen Filmen der 1950er nonchalant übernommen wurde. Im Dritten Reich, in dem das Ästhetische stets politisch war, konnte sich Käutner, so weit es ging, dem ideologischen Druck entziehen: Statt sich künstlerisch selbst zu beschneiden, nutzt er die Möglichkeit von Andeutungen, inszeniert über Bande. Das Indirekte übernimmt Käutner als Stilmittel: Deutlich im Heiratsantrag in „Wir machen Musik“, der sich ganz organisch aus dem Vorhergehenden ergibt, aus den Charakteren und ihrer Situation, und der doch so schön und poetisch inszeniert ist, indem de Kova als Karl seine Annie aus einem spritzigen, pointiert-ironischen Wortgefecht heraus in gespielter Empörung auf das schmutzige Fenster hinweist, an dessen Glas er beiläufig eine Liebesbezeugung geschrieben hat. Käutner galt im Dritten Reich als einer der besten Regisseure, als großes Talent und Nachwuchshoffnung; auch Goebbels wusste die Unterhaltungswerte und die Inszenierungsweise zu schätzen. Komödie, also Entertainment, war ja von Goebbels stets gedacht als Eskapismus, als mentale und emotionale Erleichterung für die Bevölkerung in harten Zeiten, zumal des Krieges: Das Publikum sollte eintauchen in die Filme und den Alltag vergessen, auch der ansonsten verpönte Jazz im Soundtrack konnte in diesem Sinne seinen Zweck haben.

Dass Käutner eine privilegierte Stellung genoss, zeigt sich am Anfang und am Ende von „Wir machen Musik“, wenn der Zuschauer aus seinem Alltag direkt in die Filmhandlung, in den Alltag von Karl Zimmermann und Annie Pichler geholt, später wieder daraus entlassen wird: Karl spricht den Zuschauer direkt an, seine Annie ist gerade einkaufen, es gab eine Sonder-Margarine-Sonderzuteilung. Am Schluss beendet Karl den Film: Er muss verdunkeln, weil sonst der Nachbar ihn anzeigt.

Harald Mühlbeyer

Bilder: Deutsches Filminstitut – DIF, Frankfurt am Main

 
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Filmdaten
Regie: Helmut Käutner
Drehbuch: Helmut Käutner
Darsteller: Ilse WernerViktor de KowaEdith OssGeorg ThomallaGrethe WeiserKurt SeifertRolf WeihVictor JansonKlaus Pohl
Kamera: Jan Roth
Schnitt: Helmuth Schönnenbeck
Musik: Peter IgelhoffAdolf Steimel
Produktion: Hans Tost
Genre: Komödie, Liebesfilm
Jahr: 1942
Themenseiten: Helmut KäutnerFilme der Murnau-Stiftung
Land: Deutschland
Format: 4:3 SD
Farbe: Schwarz-Weiß
Ton: Deutsch
Untertitel: ohne
FSK: 16
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