100 Jahre Weimarer Republik, 100 Jahre Kino der Moderne

Anlässlich des 100. Gründungsjubiläums der Weimarer Republik präsentieren die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen und die Bundeskunsthalle gemeinsam diese Ausstellung zum Kino in der ersten deutschen Republik. alleskino.de ist stolzer Partner und begleitet die Ausstellung mit Filmen.

Das Kino steigt in der Weimarer Republik zum Leitmedium auf. Die Zahl der Lichtspielhäuser wächst rasant, und der deutsche Film gilt kurzzeitig als ernsthafte Konkurrenz zum US-amerikanischen. Zugleich öffnet sich ein Experimentierfeld zu der Frage, was Film ist und was Film sein könnte. Ästhetische wieerzählerische Möglichkeiten werden erprobt und filmische Konventionen geprägt. Somit bildet das Kino dieser Zeit die Keimzelle der heutigen Filmästhetik. Die ersten Theoretiker erklären den Film zur siebten Kunst und sehen in ihm die einzige Kunstform, die der rasant fortschreitenden Modernisierung Ausdruck verleihen kann.

Die Ausstellung präsentiert den Film in seinen Wechselwirkungen mit Literatur, bildender Kunst, Architektur und den gesellschaftlichen Entwicklungen. Ein besonderes Augenmerk wird auf das vielfach in Vergessenheit geratene Schaffen von Frauen hinter der Kamera gerichtet. Zugleich wird das damalige Kinopublikum in den Blick genommen. Denn die Reaktionen der Zuschauer ebenso wie der Filmkritiker tragen wesentlich zur Entwicklung der modernen Filmsprache bei.

Menschen am Sonntag

Coming Of Age, Komödie 1930 74min

Vier junge Berliner - eine Verkäuferin, eine Filmstatistin, ein Vertreter und ein Chauffeur - machen einen Sonntagsa...

Menschen am Sonntag
Nach den Entbehrungen des Ersten Weltkriegs wird die „Sommerfrische“ auch für Angestellte und Arbeiter möglich. Beliebte Erholungs- und Rückzugsorte aus der Stadt sind ländliche Gegenden oder das Meer.

Beispielhaft zeigt "Menschen am Sonntag" (1930) junge Berlinerinnen und Berliner bei einem Ausflug an den Wannsee. Die Wochenschauen berichten regelmäßig über Strandvergnügen, Badespaß und die neueste Bademode.

Auch die Berge sind ein beliebtes, jedoch kostspieligeres Feriengebiet, was sich im populären Genre des Bergfilms niederschlägt. Erfahrene Bergsteiger und Skifahrer drehen dort unter extremen Bedingungen aufwendige Actionszenen. Der Regisseur Arnold Fanck realisiert Spiel- und Lehrfilme und macht Luis Trenker und Leni Riefenstahl zu Leinwandstars.

Szenenfoto
Wege zu Kraft und Schönheit (1925, Regie: Wilhelm Prager)
Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv Szenenfoto Wege zu Kraft und Schönheit (1925, Regie: Wilhelm Prager) Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv

Schon früh etabliert sich in Deutschland ein Starsystem nach dem Vorbild Hollywoods und damit auch eine entsprechende Fankultur. Starpostkarten, Homestories und Autogrammstunden sind Beispiele für die Inszenierung und Vermarktung von Filmberühmtheiten wie Brigitte Helm, Henny Porten oder Emil Jannings. Sie fungieren als Vorbilder und sind gleichzeitig als Werbeträger gefragt.

Als Rollenmodelle bieten sie vielfältige Möglichkeiten zur Identifikation: Elisabeth Bergner gilt als kühl, Leni Riefenstahl als sportlich und Lil Dagover als damenhaft. Das Spektrum an jugendlichen Liebhabern reicht vom Melancholiker Conrad Veidt über den weltläufigen Franz Lederer bis zum unbekümmerten Gustav Fröhlich.

An den per Selbstauslöser aufgenommenen Photomaton-Bildern spiegeln sich die Rollen und Posen der Stars. Auch bildende Künstler werden von der Ausstrahlung der Filmschauspieler angeregt: Hannah Höch sammelt Pressefotos von Anna May Wong und Marlene Dietrich, Herbert Bayer collagiert Bilder von Louise Brooks.

Anna Boleyn

Biographie, Historiendrama 1920 118min

Historienfilm und Stummfilm-Drama des Regisseurs Ernst Lubitsch um Anna Boylen, zweite Ehefrau des Englischen Königs ...

Anna Boleyn
Anna Boleyn (1920, Regie: Ernst Lubitsch) mit den Stars Henny Porten und Emil Jannings

Autogrammkarte von Luis Trenker Autogrammkarte von Luis Trenker

Die Metropole wird zum bildlichen Symbol der Moderne. Der nervöse Lebensrhythmus, das Nebeneinander verschiedenster gesellschaftlicher Realitäten gipfeln in diesem Bild. Vor großstädtischem Hintergrund sind zahlreiche zeitgenössische Stoffe angesiedelt, ob Liebesgeschichte, Komödie oder Drama. Die Bewegungen der Protagonisten – vom Flaneur bis zum Verbrecher – bestimmen das Erzähltempo und die filmische Perspektive.

Die Vision der vertikalen Stadt mit spektakulären Wolkenkratzern wird von Fritz Lang in "Metropolis" (1927) ins Bild gesetzt. Die Fotocollagen, die der Künstler Umbo und der Regisseur Walther Ruttmann zur Bewerbung des experimentellen Dokumentarfilms "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt" (1927) schaffen, feiern den Mythos einer Stadt, die niemals schläft.

Berlin - Die Sinfonie der Großstadt

Dokumentarfilm 1927 65min

Der Dokumentarfilm zeigt das Leben der Metropole Berlin vom frühen Morgen bis Mitternacht. Zunächst wird ei...

Berlin - Die Sinfonie der Großstadt

Collage von Umbo für Berlin. Die Sinfonie der Großstadt Collage von Umbo für Berlin. Die Sinfonie der Großstadt

Der Erste Weltkrieg hat ein neues Krankheitsbild hervorgebracht: die Kriegsneurose. Sigmund Freuds Kollege Ernst Simmel entwickelt bereits während des Krieges eine Kurzzeittherapie, die aus Analysegespräch, Hypnose und befreiendem Ausagieren besteht. Mehrere Filme greifen das Thema der psychischen Kriegstraumatisierung auf: "Nerven" (1919), "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920), aber auch "Zuflucht" aus dem Jahr 1928.

Dass der Film zur Darstellung seelischer Zustände besonders geeignet ist, bemerken Filmemacher und Analytiker gleichermaßen. Sigmund Freud wird um Mitarbeit bei verschiedenen Filmprojekten gebeten, zwei seiner engsten Kollegen beteiligen sich an G. W. Pabsts "Geheimnisse einer Seele" (1926).

Traumdarstellungen in Form von Mehrfachbelichtungen und Überblendungen prägen die Filmästhetik bis heute.

Geheimnisse einer Seele

Drama 1926 75min

Stummfilmdrama um einen Mann, dessen schlimmste Träume Realität werden. Nachdem er versucht hat, seine Frau mit einem...

Geheimnisse einer Seele

Plakat zu Nerven (1919, Regie: Robert Reinert) Entwurf von Josef Fenneker, 1919 Quelle: Deutsche Kinemathek – Sammlung Josef Fenneker © Stadt Bocholt (Stadtmuseum Bocholt / Josef Fenneker)

Nach dem Ersten Weltkrieg nutzen viele Frauen die Möglichkeiten in der neu entstehenden Filmindustrie. Sie versuchen, sich vor allem als Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen oder Produzentinnen zu etablieren. In den Credits verzichten sie meist auf die Nennung ihres Vornamens. Auffällig viele von ihnen tragen Doppelnamen – auch dies ist Ausdruck einer neuen Zeit.

Eine Galerie stellt 21 weibliche Filmschaffende mit Biografie und anhand von Exponaten vor. Filmausschnitte belegen ihr vielfältiges Wirken; eine Audiostation lässt die Frauen darüber hinaus anhand autobiografischer Texte selbst zu Wort kommen und über ihre Erfahrungen im Filmmetier berichten. Ein weitgehend unbekanntes Kapitel des Weimarer Kinos erhält so Gesicht und Stimme.

Das Blaue Licht

Drama, Fantasy 1932 85min

Ein mystisches Bergmärchen um das verwilderte Mädchen Junta, welches von den Bewohnern eines dolomitischen Bergdorfes...

Das Blaue Licht
Das blaue Licht (1932) war die erste Regiearbeit von Leni Riefenstahl

Elisabeth Bergner, 1922
Foto: Angelo
Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv Elisabeth Bergner, 1922 Foto: Angelo Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv

Die Drei von der Tankstelle

Komödie 1930 90min

DIE DREI VON DER TANKSTELLE verlieben sich gleichzeitig in die junge und reiche Lilian Coßmann. Auch bei der jungen D...

Die Drei von der Tankstelle
Berlin als pulsierende Hauptstadt der Republik ist Vorbild für Mobilität und Tempo. Die Filmemacher fangen dies entweder, wie in "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt" (1927), direkt vor Ort („on location“) ein, oder bauen, wie in "Asphalt" (1929), aufwendig Straßenzüge und -kreuzungen in den Studios nach. Storyboardartige Zeichenfolgen markieren die Einstellungswechsel der Kamera.

Dank leichter zu bedienender Schalthebel wird das Autofahren auch für Frauen attraktiver, 1929 besitzen in Berlin bereits 4,2 Prozent von ihnen einen Führerschein. In "Achtung! Liebe! Lebensgefahr!" (1929) wird der Alltag einer Rennfahrerin dramatisch inszeniert.

Auch das Telefon ist in den Filmen ein Medium der Beschleunigung. Insbesondere die Komödie und der Kriminalfilm machen sich die Möglichkeiten des neuen Kommunikationsmittels zunutze

Liselotte Schaak in "Achtung! Liebe! Lebensgefahr! (1930, Regie: Ernö Metzner) Foto: Hans G. Casparius Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv © Deutsche Kinemathek – Hans G. Casparius